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Die Rückkehr der "Glassholes"

Return of the "Glassholes"

Warum sich die Geschichte der Smart Glasses wiederholt – nur eleganter

Im April 2013 erschien die Google Glass Explorer Edition. Für 1.500 Dollar erhielt eine ausgewählte Gruppe von Entwicklern und frühen Anwendern Zugang zu einer Technologie, die fast nach Sci-Fi wirkte: ein Display über dem rechten Auge, eine eingebaute Kamera, Knochenleitungsaudio und Sprachsteuerung per „OK Glass". Die Vision war ambitioniert – eine Brille, die den Alltag navigiert, übersetzt und festhält, ohne ein Handy bedienen zu müssen. (BBC News, Januar 2015; Time, Januar 2015)

Das Problem war nicht die Kamera

Bereits im selben Jahr begannen Lokale in San Francisco Google Glass explizit zu verbieten – primär aus Sorge, dass Gäste unbemerkt gefilmt werden könnten. Restaurants, Bars, Theater und Kasinos zogen nach. In Anlehnung an den Journalisten Adrian Chen etablierte sich der Begriff Begriff „Glasshole”. Dieser schrieb im März 2013 auf Gawker: „People who wear Google Glass in public are assholes" – Menschen, die soziale Interaktion „on [their] wholly weird and unsettling terms" einfordern. Der Begriff ging in Folge viral, verbreitete sich über Reddit und Facebook bis in die Mainstream-Berichterstattung. (MIT Technology Review, März 2013; ABC News, Januar 2015)

Doch wo lag das eigentliche Problem? Es lag nicht nur an der Kamera. Es war die Unsichtbarkeit der Aufzeichnung. Bei einem Handy sieht man, wenn es jemand hebt. Bei einer herkömmlichen Kamera erkennt man das Objektiv. Bei Google Glass hingegen blieb unklar, ob der Gesprächspartner gerade filmte oder nicht. Mark Hurst brachte das Problem auf den Punkt: „The most important Google Glass experience is not the user experience – it's the experience of everyone else." (creativegood.com, Februar 2013)

Google reagierte damals mit einer neuen Ethikrichtlinie und einer sichtbaren Aufnahme-LED, doch der Image-Schaden war angerichtet. Am 19. Januar 2015 wurde das Explorer-Programm eingestellt. Eine Consumer-Version erschien nie. (BBC News, Januar 2015)

Das war kein gesellschaftliches Nein zur Technik. Es war ein Nein zur Nutzung ohne Einverständnis. Und genau hier knüpfte man geschickt an.

Von Wölfen in Schafspelzen

Jetzt kommt Meta. Etwa zehn Jahre später bringt das Unternehmen die Ray-Ban Meta auf den Markt. Deutlich unauffälliger – ohne klobige Displayschiene über dem Auge, stattdessen im klassischen Wayfarer-Design. Was drin steckt ist jedoch weitaus leistungsfähiger: eine 3-Megapixel-Kamera, 5 Mikrofone, Lautsprecher und ein integrierter KI-Assistent.

Das Marketing saß: 2025 wurden bereits über 7 Millionen Stück verkauft – so EssilorLuxottica, der Konzern, der u.a. Ray-Ban vertreibt. (heise.de, February 2026)

Darauf folgte eine noch umfangreichere Imagekampagne. Man engagierte die Influencerin Kylie Jenner als Werbegesicht und präsentierte im Juni 2026 eine eigene Modellreihe ohne Ray-Ban-Branding. Natürlich nicht ohne exklusive Kylie-Jenner-Edition, welche mit Details wie einem kleinen Edelstein auf der Linse und einer anpassbaren Nasenbrücke glänzt. Die klare Botschaft: Smart Glasses sind nicht bedrohlich – sondern en vogue. (Barron's, Juli 2026; Meta, Juni 2026; MediaPost, Juni 2026)

Marketing trifft auf Wirklichkeit

Trotz des großen Marketingsaufwands hat die Wirklichkeit die Marke aber längst eingeholt. „Pervert glasses" nennt man sie jetzt – das „Glasshole" von heute. Laut Berichten lassen einige frühe Käufer ihre Brillen aus Angst vor Stigmatisierung zu Hause. Danielle, eine gewerbliche Nutzerin sagte gegenüber Engadget: "A lot of men and their behaviors have ruined this product." (Futurism, 2026; GadgetReview via Yahoo Tech, 2026)

Die Kulturszene reagiert. Bei einem Festival in Madrid im Juli 2026 unterbrach die Musikerin Lorde ihr Konzert und wandte sich explizit gegen KI-Brillen: „You don't know if someone is wearing sunglasses, or if they're wearing those fucked-up AI glasses." Ein Sponsor des Events: Ray-Ban. (TechCrunch, Juli 2026)

Dass die Sorgen nicht nur theoretisch sind, zeigt ein Fall in Köln: In einem Zeitraum von vier Wochen meldete die Claudius-Therme zwei Verdachtsfälle, bei denen Menschen mutmaßlich heimlich mit Smart Glasses gefilmt wurden. Das Bad verhängte anschließend ein Hausverbot für Brillen mit Kameras. Weitere Kölner Bäder zogen nach. (WDR, Juni 2026)

Parallel boten professionelle Dienste an, die Aufnahme-LEDs der Brillen physisch zu entfernen, um sie zu reinen Creep-Cams zu machen. Im Juli 2026 veröffentlichte Meta ein obligatorisches Firmware-Update, das die Kamera automatisch deaktivieren soll, wenn die LED manipuliert oder zerstört wird. Zugleich entfernte Meta entsprechende Angebote vom Facebook Marketplace und kündigte rechtliche Schritte gegen Anbieter solcher Modifikationen an. (The Verge, Juli 2026; Fortune, Juli 2026; Road to VR, Juli 2026)

In den Vereinigten Staaten wurde im März 2026 eine Sammelklage gegen Meta und Luxottica eingereicht. Die Kläger werfen den Unternehmen unter anderem vor, aufgenommene Clips ohne ausreichende Offenlegung an Subunternehmer weitergeleitet zu haben. (medialaw.eu, Juni 2026)

Ethische Probleme?

Die Problematik geht über die aktuelle Modellreihe hinaus. Laut einem Bericht der Financial Times arbeitet Meta an Prototypen mit den Codenamen „Aperol" und „Bellini" – Brillen, die kontinuierlich Audio aufzeichnen und alle paar Sekunden Fotos machen können, um dem Träger als KI-Erinnerungskrücke zu dienen. Warum sich zum Beispiel merken, wo man zuletzt die eigenen Schlüssel hingelegt hat, wenn man nur die Brille zu fragen braucht? Ein LED-Signal für diese Art von Aufnahmen sei laut Bericht nicht vorgesehen. (The Verge, Juli 2026; The Verge, Mai 2025; Gizmodo, 2026)

Und wer dachte, Google hätte aus 2015 gelernt, irrt. Auf dem Galaxy Unpacked-Event im Juli 2026 präsentierte Samsung in Kooperation mit Google eine neue Generation Smart Glasses. Im Herbst soll es dann Brillen mit Kamera, Mikrofonen, Lautsprechern und Gemini-Integration im Design von Warby Parker und Gentle Monster geben. Auch hier: die LED leuchtet bei Aufnahme. Blockiert man diese, soll die Kamera nicht funktionieren. Zum Thema Privatsphärebedenken sagte Samsungs Verantwortlicher Choi: „If, because of that, we stop innovation, we don't go anywhere". (techradar.com, Juli 2026)

Wie 2013

Der Begriff „Glasshole" war ein Symptom dafür, dass die Gesellschaft eine Grenze gezogen hat – nicht gegen Technologie, sondern gegen ihre rücksichtslose Anwendung. Heute steht dieselbe Frage erneut im Raum, nur unscheinbarer. Die Brillen sind kleiner, das Marketing ist eleganter – und die KI weitaus mächtiger. Aber das Grundproblem bleibt bestehen: Wird Aufzeichnung unsichtbar, schwindet die Grundlage für Einverständnis.

Was Google 2013 vermeintlich lernte, wirkt vergessen. Was Meta jetzt lernt – über Schlagzeilen, Klagen und diverse Spitznamen –, scheint für Samsung lediglich der Preis zu sein, den man der Innovation wegen zu zahlen hat. Die Konzernantwort: eine LED. Eine LED, die sich manipulieren lässt. Keine Schutzmaßnahme – eine Illusion.

Doch es gibt Wege sich zu schützen und Haltung zu zeigen. Technisch hilft die App „Nearby Glasses", die per Bluetooth-Scan nach Smart Glasses im Umkreis sucht und warnt. Politisch setzt sich die Initiative  banray.eu für ein Verbot der Ray-Ban Meta in der EU ein und dokumentiert die rechtlichen Probleme – von fehlender Einwilligung bis zur Datenexport-Problematik.

Am Ende geht es um eine simple Regel, die 2013 schon galt: Wer ohne Einwilligung filmt, überschreitet Grenzen anderer. Und diese Leute bekamen 2013 schon damals einen Namen:

„Glasshole".

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